8. Tag

IMG_500320.06.2015, 9.30 Uhr, 9 Grad
Die Nacht war gut. Die Sonne hat unser Zelt schon gut erwärmt und anhand des Leergutes konnten wir feststellen, dass die Party am Lagerfeuer auch ohne uns noch eine Weile ging. Die letzten verließen wohl um 5.30 Uhr das Feuer. Vereinzelt kämpfte man mit schweren Köpfen, die auf der Fahrt Richtung Russland nicht besser wurden. Wir querten Finnland bis runter nach IVALO und passierten dort die finnisch-russische Grenze. Die Finnen interessierten sich nicht wirklich für uns, so dass wir diesen Grenzabschnitt sehr schnell passieren konnten. Nun kamen wir nach Russland. Ein bisschen mulmig war allen. Wir reihten unsere Fahrzeige wie eine Perlenkette vor dem Grenzgebäude auf, schnappten unsere Unterlagen und begaben uns in die Bürokratie der Russen. Wir mussten etliche Formulare zu Person und Auto ausfüllen, die anschließend in geheimen Zimmern untersucht und abgeglichen wurden. Fragen von Seiten der Grenzbeamten wurden wenig gestellt, die meiste Zeit verbrachten wir Warten. Dass die Grenzer gebrochen englisch sprachen, erleichterte den Umgang miteinander. Sie gaben sich professionell und freundlich. Während ein anderer russischer Grenzgänger mit seinem Auto bis auf die Knochen kontrolliert wurde, ließ man uns nach kurzer Zeit fahren. Wir mussten lediglich unsere Dachboxen und Kofferräume öffnen, und natürlich für die männlichen Grenzbeamten die Motorhauben. Nach einigen 100 Metern stoppte uns erneut ein Schlagbaum, wo wir noch einmal registriert wurden. Auch diese Hürde nahmen wir mit bravour. Wir waren also nun in Russland, einem Land von dem man nichts wusste und auch nichts kannte. Man hatte das Gefühl alle Bäume hätten Augen und Ohren. Dieses Gefühl sollten wir recht schnell vergessen, denn das was uns nun erwartete war der Höllenritt schlecht hin. Unsere holprige Asphaltstraße endete abrupt und ging in eine von tiefen Schlaglöchern übersäte Dreckpiste über. Unsere Durchschnittsgeschwindig- keit war alles, was man im ersten Gang fahren konnte. Selbst das war oft zu schnell. Immer wieder konnten wir ein Poltern am Fahrzeugboden wahrnehmen, wo wieder ein Stein auf sich aufmerksam machte. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, dass wir 40 km auf dieser Strecke zurücklegen mussten. Gegenverkehr gab es so gut wie keinen, denn niemand fährt freiwillig so eine Straße. Nach ca. der Hälfte der Strecke war tatsächlich ein Dorf angeschrieben und man sah etwas hausähnlich durch die Bäume linsen. Als wir dieses Dorf erreichten saß unser Schock sehr tief. Drei siebenstöckige, dem Einsturz nahe, Hochhäuser standen da mitten im Wald. Die untersten Etagen hatten schon keine Fenster und Türen mehr. Im Hof standen ein paar alte Autos und man sah einige Kinder in dem von Müll und Bauschutt umgeben Innenhof spielen. Ich gab ihnen von unseren Süßigkeiten, die wir ja im Überfluss dabei haben und konnte leuchtende Kinderaugen sehen. Sie bedankten sich mit einem „Sbasiba (Danke)“  und machten sich über ihre Leckereien her. Für mich ein sehr beeindruckter Moment. Da warenIMG_5047 sie also, Gottes vergessene Seelen. Wir fuhren, äh hüpften weiter. Immer wieder kurze Aufsetzer unseres Mercedes auf dem Schlaglochboden. Der VW LT hatte da einen erheblichen Vorteil, da er eine sehr große Bodenfreiheit hat. Aber auch er wurde durch diese wilde Buckelpiste durchgeschüttelt. Drei Stunden später hatte diese materialvernichtende Monstertour ein Ende und wir hatten endlich wieder den langersehnten Asphalt unter den Reifen. Ab dann ging die Fahrt wieder etwas flotter vorwärts. Unsere Tageschallenge hieß: Finde ein Bohrloch mit Turm, wo von den Russen knapp 13 km in die Tiefe gebohrt wurde. Gesagt getan. Leider wurden wir nicht fündig und versuchten mit Händen und Füßen nach der Stelle des Bohrlochs zu fragen. Unsere Fragerei entsprach eher einem lustigen Kindergeburtstagsspiel, wobei man anhand von Gesten und Gebärden erraten muss, was sein Gegenüber darstellt. Ich animierte einen tiefen Erdlochbohrer – keine leichte Aufgabe! Der junge Russe den wir fragten hatte dann die Idee, uns an die gewünschte Stelle zu führen. In dem Opel der nun vor uns herfuhr, saßen insgesamt fünf Russen und wir wussten nicht, was sie mit uns vorhatten. Wir fuhren ca. 10 km zurück nach NICKL und bogen in einen Braunkohletagebau ab. Nun begann die nächste Horrorfahrt. Wieder so eine Buckelpiste, wo wir doch schon 40 km hinter uns hatten. Wir verständigten uns über Funk und legten fest, dass wir mit unserem Mercedes am oberen Eingang Wache halten, um im Bedarfsfall Hilfe holen zu können – wie auch immer! Der Plan erschien logisch und so positionierten wir uns am Eingang der Grube. Ein russischer Grubenbewacher witterte indes seine Chance, Westzigaretten zu schnorren. Wahrscheinlich eine willkommene Abwechslung zu seinem russischen Kraut. Wir warteten und warteten. Über Funk war kein Kontakt herzustellen. Inzwischen trafen noch weitere zwei Teams ein, die wir ebenfalls in die Grube schickten. Mit gemischten Gefühlen, wir hatten ja noch keine Rückmeldung aus der Grube. Irgendwann gab es doch einen Funkspruch der da hieß: “Wir sind auf halbem Weg zurück“. Das klang gut und ich erwiderte: „Dann fahren wir schon langsam zurück“. Wir waren ja nicht die schnellsten mit unserem tiefer gelegten Benz. Wir erreichten unbeschadet die Straße und warteten nun auf die anderen, die da auch eine Stunde später nicht erschienen. Wir machten uns daraufhin allein auf den Weg nach MURMANSK. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass auf halben Weg zurück die Route im Tagebau nochmals geändert wurde, wir dieses aber aufgrund der topografischen Gegebenheiten über Funk nicht mitbekommen hatten. Wir hatten von diesem Tag die Schnauze gestrichen voll und sind um 2.30 Uhr im Park Inn in MURMANSK eingetrudelt. Vom Rest der Gruppe wussten wir nichts. Wir schrieben noch eine SMS und gingen völlig erschöpft ins Bett. Es war genau das eingetreten, was wir nicht wollen – nämlich allein durch Russland fahren.

Anmerkung von Team 59:

Zusammen mit Team 122 (Lohnely Cowboys) und zwei weiteren Teams erreichten wir nach ca. einstündiger Irrfahrt durch den Bergbau die ehemalige Bohrstation. Vom gesuchten Turm war leider nicht mehr viel übrig, sodass wir nur noch eine Ruine fotografieren konnten – aber hey: Challenge erfüllt. Nach einer weiteren Stunde Rückfahrt befanden wir uns wieder auf geteerter Straße wo wir auch endlich wieder Netz hatten und mit Uwe Kontaktaufnehmen konnten. Die beiden waren schon auf dem Weg nach Murmansk, sodass wir ebenfalls diesen Weg einschlugen. Aber kaum einige Meter gefahren hatte der BMW von Team 122 einen Platten, welcher uns erstmal wieder einen Zwangsstop besorgte. Als auch diese Aufgabe bewältigt war, sammelten wir noch die beiden o.g. Teams ein, sodass wir fortan als 4er Kolonne nach Murmansk fuhren. Die ca. 160km waren eher monotone Strecke, was aber Nachts um 2 Uhr dann nicht sonderlich schlimm war. Nachdem die gesammelte Mannschaft ein Zeltlager aufschlagen wollte, suchten wir uns kurz vor Murmansk ein nettes Plätzchen am Meer mit Blick auf den Hafen. Mittlerweilen hatten wir auch noch das eine Motorrad-Team eingesammelt, sodass wir dann gegen 3 Uhr ein relativ großes Lager zusammen hatten.

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